HEIDEKARLS LEBEN UND STERBEN par C. Brohm, Lehrer in Diedendorf

Publié le par lichty lilly

HEIDEKARLS LEBEN UND STERBEN par C. Brohm, Lehrer in Diedendorf

 

 

Er war Korbmacher, hiess  Karl Winterstein, und kam am 20 Januar 1830 in Heideneck bei Wingen zur Welt.

Wer von der Station im schönen Modertal aus, die Hauptstrasse nach Bitche einschlagt, vielleicht um das keltish-christliche Denkmal des Zwölfapostelsteins zu besuchen, kommt dicht hinter Wingen durch das Filial Heideneck.

Es ist eine alte Winterwohnstätte herumziehender Korbmacher, Kesselflicker und Siebmacher, eines Bastardgeschlechts von heimischen und zugezogenen Nomaden aus den Balkanländern.

Dort, in einer ärmlichen Behausung, verlebte der Heidekarl ein gut Teil seines Lebens, zunächst als Heidebübel.

War das eine feine Zeit damals! Goldene Freiheit überall, und Nahrung in

Hülle und Fülle, selbst im Winter.

Gab’s nicht Reh oder Hase, so doch Fuchs, Igel, Hund und Katze!

Man musste es nur zu bereiten wissen. Und dann die Wanderung in die weite Welt! Wenn in den dunklen Tannen, hinter dem Hüttendorf das Lied des Frühlings anhub, wenn unten am Bächlein die dicken Knospen der Butterblume ihr leuchtendes Gelb zu tag schickten, dann ging’s mit Vaters Karren hinaus ins freie Wanderleben.

So war’s viele Jahre, und aus dem Karele wurde der Heidekarl. Wo einst seine braunen Kinderfüsse den Staub und Kot fremder Strassen gemessen, da  schritt er nun als Mann. Wie er mit seinen vielen Kindern durch’s Leben kam? Ja, nur, anspruchslose Menschen können viel ertragen und entbehren. Aber ehrlich und fleissig war er, das bezeugen ihm noch heute alle die ihn bereits vor 50 Jahre kannten.

Das er auch die Gefängnissmauern von innen gesehen hat, kommt nicht auf das Konto einer unehrlichen Handlung auf Kosten der sesshaften Bevölkerung, sondern auf die traditionnelle Heldenhäftigkeit derer von Winterstein, die sich von Zeit zu Zeit gegenseitig die Kopfe blutig schlugen. Dieses Volk hat andere Gesetze wie wir, es schaft sich Genügtung ohne Richter. Als der Mann seiner Tochter sie einem Ausbruch von Leidenschaft tot schlug, verfolgte ihn der Heidekarl wie ein echter Miridith, um die Blutrache zu üben, Jahrelang. Das er keinen Erfolg dabei hatte, quälte ihn bis in seine letzten Tage hinein.

Der Tod seiner Frau machte ihn bald alt. Und er zog zu den Kindern, die sesshaft geworden waren. Doch hielt er’s nicht aus bei ihnen. Er musste wandern.

So liess er sich in Erinnerung an seinen einstigen schönen Wagen einen Handkarren anfertigen, spannte über die hochgewölbten Haselgerten eine weisse Leinwand und legte sich selbst in die Sielen. Er besuchte jetzt nur noch vier Dörfer, Rimsdorf, Hinsingen, Altweiler und Diedendorf.

Hier lernte ich ihn vor einigen Jahren kennen. Noch immer ein stattlicher Mann ,von grossem breitem Wuchs und aufrechtem, stolzem Gang.

Sonnenverbrannt das Antlitz, mit der kühnen Nase und den wahrhaft treuen Augen. Lang und weiss der Bart, wie bei einem arabischem Scheik im Märchen. Darum zog’s die Kinder zu ihm. Der Tag seiner Ankunft im Dorf war stets ein Fest für sie.

So war’s auch dies Jahr, als er vor etwa drei Wochen bei uns eintraf. Allabendlich bot sich immer das gleiche Bild : unter einem Apfelbaum der Patriarch am Boden kauernd, vor ihm auf einem Dreifuss die berusste Pfanne im Kreise 6-10 Kinder, die im Feuer stocherten und seinen Erzahlungen lauschten, im Hintergrund der Karren, in dem der grosse Mann, mit hochgezogenen Beinen, die Nachte durchschlief, zwischen Blitz, Donner und Hagelschauern, inmitten von Nachtigallenschlag und Heimschensang.

Und auch die Alten  mochten ihn gern, den Heidekarl. Nie hat er gebettelt, und sein Fleiss beim Körbeflechten nötigte Achtung ab.

Da kam plötzlich der Tod. Hinten in den Gärten, unter fruchtbeladenen Zweige, griff er ihm ins Herz und hiess es stillstehen, wie das Werk einer Uhr. Sein Haupt ruhte auf einem Bündel biegsamer Ruten, die er sich eben erst für  weitere Arbeit geschnitten hatte. Die weiche Hand des Friedensengels hatte die braune Züge geglättet, damit auch seine Lieblinge, die Kinder, ihn noch im Tode schauen konnten .Und sie taten es mit Tränen.

Nach den üblichen gerichtlichen Formalitäten wurde ein katolischer Priester benachrichtigt, der auch die Einsegnung der Leiche zusagte. Er kam anderen Tages. Ein selten gesehener Zug bewegte sich nun vom Leichenhaus aus nach dem evangelischem Friedhof .Feierliches Glockenläute . Die evangelischen Kinder setzten sich mit ihrem Lehrer in Bewegung. Es folgt der katolische Priester im Ornat, leise betend. Dann der Sarg. Dahinter zwei Söhne des Verstorbenen, aus Lothringen herbeigeeilt. Zuletzt die evangelische Bevölkerung....

Der Sarg wird in die Grube gesenkt, besprengt mit dem heiligen Wasser aus des Priesters Hand. Drei schollen, stille Andacht, das Grab schliesst sich und Kinderhände legen Efeukränze drauf.

 

 

 

So ruht der Heidekarl zwischen seinen evangelischen Brüdern, in der vornehmsten Reihe die der Friedhof zu vergeben hat, da wo die Lindenzweige am Kirchweg seltsame Zwiesprache halten mit den Grabkreuzen.

Und im nächsten  Sommer wird der Besucher blaue Vergissmeinnicht und rote Rosen finden auf dem Heidengrab, aus Kinderherzen dorthin gepflanzt in Errinerung an Heidekarls Freundschaft und Liebe, und in Erfüllung des Wortes aus dem Munde des königlichen Meisters von Nazareth : “ daran wird jedermann erkennen, das ihr meine Junger seid, so ihr Liebe untereinander habt!“

Gestorben den 21 Juni 1910.

 

Publié dans HISTOIRE LOCALE

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